Nur die Harten kommen durch?

Ideen und Vorurteile

"Die machen sich das aus."

"Das wird ein kurzer Kampf, es gibt ein paar Schrammen und dann ist es für immer geklärt."

"Ein bisschen unterdrückt werden, macht ihn stark."

"Die müssen rennen, danach ist die Rangfolge geklärt." 

"Ich lasse den Neuen von der Gruppe schleifen, dann habe ich keinen Ärger mit ihm, die Gruppe macht das für mich." 

 

 

So und ähnlich bekommt man es zu hören, wenn man in einem Pensionsstall mit Gruppenhaltung einen Platz haben möchte. Je nachdem was man mit seinem Pferd vor hat, macht das eine oder das andere auch Sinn.  

 

Was soll erreicht werden?

Eine interessante Frage! Wenn ich ein freches Pferd habe, das bei einem Ranghöheren Gehorsam lernt - was will man mehr?! Wenn ich ein schüchternes Pferd  habe, dann wird es in einem rauen Umfeld aber nicht forscher werden, das muss mir klar sein, bevor ich das Tier in die Gruppe integriere. Ich finde, eine Frage sollte man sich stellen: Wird sich mein Tier in dieser oder jener Gruppe ENTFALTEN können? Wird es seine Persönlichkeit zu vollem Glanz entwickeln können? Wird es wie der volle Baum in Einzellage auf der Wiese sein oder wird es eher einem vom Überlebenskampf gebeugten Baum im Wald gleichen? Auch im Wald gibt es schöne Bäume, die den Schutz der anderen genießen. Dann ist der Wald für sie genau richtig. Und wie ein schützender Wald soll auch die Herde die Individuen schützen und nicht in ihrer Freiheit und ihren Bedürfnissen einschränken. 

 

Unterdrückung macht nicht jeden stark

Natürlich gibt es sowohl unter den Menschen, als auch unter den Pferden welche, die sich in einem rauen Umfeld behaupten und erst so zu ihrer wahren Größe wachsen. Ich kenne aber auch vom Rang her eher mittel positionierte Pferde, die aufgestiegen sind und sich zu Tyrannen anstatt wahren Anführern entwickelt haben, weil sie keine Anführer als Vorbilder gehabt haben. Und ich habe eine Menge Pferde gesehen, die ihre Persönlichkeit erst dann entfalten konnten, wenn sie nicht mehr von anderen Pferden unterdrückt wurden. Denn das knabbert ganz schön am Selbstvertrauen und am Selbstwertgefühl.

 

 

Die Prügelreihe

In der Herde gibt es einen Boss, viele dazwischen und den Prügelknaben. Vielleicht ist der Herdenchef mit einem eher rangniederen Tier befreundet, das aus seinem sicheren Schatten heraus die anderen triezt. Prinzipiell wird der Ärger weiter gegeben: also der Ranghöhere verscheucht ein rangniedrigeres Pferd, das wiederum lässt den Frust am nächsten aus und am Ende bekommt es der Prügelknabe ab. Manchmal kann der bevorzugte Prügelknabe auch ein kleiner Tyrann sein, der in der Rangfolge nicht ganz unten steht, an dem sich die anderen aber gerne abreagieren. Für den ist es nicht so schlimm, weil der tyrannisiert andere Pferde und streichelt damit sein Ego wieder glatt. 

 

Schlimm ist es für denjenigen, der es häufig abbekommt und nicht weitergeben kann. Wenn die Zahl der unangenehmen Begegnungen die Zahl der angenehmen übersteigt.

 

Selbst wenn es dieses Pferd scheinbar gelassen hinnimmt, wäre es vermutlich ganz anders, wenn es nicht in der Position wäre. Jemand muss die Rolle des Prügelknaben übernehmen und wenn man sich nicht wehren kann, glaubt man schon gerne mal, dass diese Position im Leben einem selber beschieden ist. Ich kenne solche Pferde. Wenn es dem Besitzer egal ist, was aus ihnen wird, dann kann man sie ihre Positionen schicksalsergeben ausfüllen lassen. Wenn man aber will, dass sie aus sich heraus kommen, dass sie einem ihr strahlendes Inneres zeigen, dann muss man die Gruppe so zusammen stellen, dass niemand ständig unterbuttert wird. Denn es ist sowohl für das Opfer wie den Aggressor schlecht, wenn diese Abfolge bestehen bleibt.


Rangfolge

Pferde sind es gewohnt, in einer Rangfolge zu sein und normal macht es einem Pferd nichts aus, ob es diese oder jene Position innehat. Es will Zugang zu den Ressourcen und wenn die nicht knapp sind, ist es mit der Position, die zu ihm passt, zufrieden. Der Anführer wird gewählt, prügelt sich nicht den Weg an die Spitze. 

 

Auseinandersetzungen sind da nötig, wo die überlebensnotwendige Gefolgschaft nicht angeboten wird. Genau, richtig gelesen - angeboten wird. Wie beim Reiten auch, muss sich der Ranghöhere seinen Rang verdienen und bekommt ihn dann vom Unterlegenen erteilt. Wo immer sich die Führung mit Macht geholt und nicht anerkannt wird, muss es in Tyrannei münden.

Gruppe und Charakter

Pferde sind überall auf der Welt für bestimmte Verwendungszwecke gezüchtet worden und unterscheiden sich mitunter sehr stark in Charakter und Temperament. Manchmal kann dies für die beteiligten Pferde ein Vorteil sein, manchmal bedeutet es schlicht Stress. Ich hatte mal einen hypersensiblen Araber zusammen mit einem Vollkontakt suchenden Stierkampfpferd. Beide waren frustriert. Der eine, weil er gebissen und umgerannt wurde, der andere weil sein Spielgefährte wie ein Halm im Wind umgeknickt ist. Diese beiden Pferde braucht man nicht in eine Gruppe zusammen stellen, außer es gibt so viel Platz, dass sie sich nie, nie, nie über den Weg laufen müssen.  Denn diese Kombination schadet beiden.

Die gesunde Herde

Oft hat man nicht die Möglichkeit, in eine Gruppenzusammenstellung einzugreifen. Darum bin ich auch nur mit Vorbehalt für Offenstall mit Gruppenhaltung. Wenn man aber wählen kann, dann sollte man sich den Charakter der Pferde genau ansehen, sich fragen, ob sie mit diesem oder jenem Pferd gut auskommen würden. 

 

Eine gut zusammengestellte Gruppe ermöglicht jedem einzelnen Mitglied, sich zu entfalten, zu wachsen, selbstbewusster und stärker zu werden. Und gute Manieren zu gekommen! Denn niemand erzieht das Pferd so gut wie gut erzogene, in sich ruhende, selbstsichere andere Pferde! So kann es seinerseits zum Lehrer werden. Für uns und andere Pferde!