Distanz statt Dominanz

Ohne Distanz keine Führung

Das Thema Distanz ist ein sehr unterschätzter Bereich, der dominantes Verhalten gegenüber dem Pferd komplett überflüssig machen kann. Respektlosigkeiten fangen mit Distanzlosigkeit an. Macht man klar, dass man seinen persönlichen Raum für sich beansprucht, kann man viel Unfug von vornherein verhindern und positioniert sich als kompetenter Anführer. Es ist wirklich ziemlich simpel, nur der Prozess dahin kann ganz schön lang sein, denn es ist eine persönliche Entwicklung. 

Wir sind distanzlos

Die Pferde lernen sehr schnell, was gutes Benehmen ist, das braucht man ihnen nicht aufwändig beibringen. Man muss nur wissen, welches Verhalten man dulden kann und wie man sich selber verhalten kann, so dass es vom Pferd nicht missinterpretiert wird. Aber wir wollen oft eine Nähe zum Pferd, die einer Führungsrolle abträglich ist. Wir wollen Freund sein und das Pferd braucht aber einen starken, verlässlichen Anführer. 

Während wir also mit unserem sehnlichen Wunsch nach Nähe die nötige Distanz nicht herstellen, bekommen wir Probleme, die wir mit Dominanz glauben, lösen zu müssen. Im Endeffekt sind wir dominant und distanzlos, was ein Widerspruch ist und zu einem ständigen Hin und Her führt. Da sich dabei sehr viel in unserem Unterbewusstsein abspielt, ist dieses Thema schwer mit dem Verstand  zu erfassen. Man kann nur Schritt für Schritt hinein wachsen!


Ein Beispiel

Wenn Menschen ein Pferd in der Reitbahn führen oder die Horsemanship Grundübung durchführen, dann kommen viele Pferde gerne kuscheln. Sie sind freundlich und die Menschen freuen sich in der Regel über die Zuneigung. Tatsächlich geschehen dabei aber im Wesentlichen drei nicht so gute Dinge:

  1. Der Fokus geht verloren. Solange der Mensch einen Plan hat, ordnet sich das Pferd dem willig unter. Wer sicher weiß, was zu tun ist, dem folgt man gerne. Gefolgschaft, die angeboten wird, muss man nicht einfordern und häuft damit Bonuspunkte vom Pferd an, die Arbeitsstimmung ist gut, man erreicht viel und alle sind glücklich. 
  2. Das Pferd unterschreitet die persönliche Distanz des Menschen, in der Absicht sich freundschaftlichen Zugang zu sichern, z.B. um mögliche Zurechtweisungen milde zu halten. Das Problem bei der Sache ist, dass auf dieser Ebene Anweisungen nicht so ernst genommen werden, da der Respekt verloren gegangen ist - schließlich ist das eine Maßnahme zur Vertrauensbildung und zum Respektabbau! Weitere Distanzlosigkeiten sind die Folge und ein Verfall der Arbeitsmoral.
  3. Man ist auf dem Terrain des Pferdes und dort ist es besser als man selber. Die Folge: Kompetenzverlust.

Es war gar nicht böse gemeint, aber das Pferd bekommt den Eindruck, dass der Mensch nicht kompetent genug ist, um es durch schwierige oder gefährliche Situationen zu führen. Das hat wiederum einen Verlust von Vertrauen zur Folge. 

Distanz ermöglicht Nähe

Manchmal ist es angeraten, bei der Hand- oder Bodenarbeit das Pferd kurz zu streicheln, wenn es mit dem Kopf zu einem kommt, um ihm Sicherheit im Bezug auf einen selber zu vermitteln. Also Vertrauen und Nähe geben, Respekt abbauen. Dann taucht man aber wieder sanft und bestimmt den Kopf zurück in seine Position. Die Nähe kann in einem Maß gewährt werden, das das Pferd nicht übermütig werden lässt. Bevor das passiert ist man schon zu einer distanzierten Haltung zurückgekehrt und macht damit so viel Nähe möglich, wie das Pferd verträgt. 

Das Pferd will geführt werden

Selbst das stärkste Pferd freut sich darüber, wenn es einen kompetenten Menschen hat, in dessen Obhut und Führung es sich entspannen kann. Um dem entsprechen zu können, wird der Mensch in den allermeisten Fällen ein gewisses Maß an Distanz wahren müssen, um seiner Führungsrolle gerecht zu werden. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die aus innerer Größe heraus und nicht mit erlernten Tricks erfüllt werden will. 

Wer sich misst, kann verlieren

Das ist eine einfache Weisheit: wer sich auf einen Kampf mit dem Pferd einlässt, kann diesen verlieren. Will man eine Auseinandersetzung, eine Meinungsverschiedenheit auf Basis von Dominanz klären, kann es leicht sein, dass man sich bei einem starken Pferd die Finger verbrennt. Hat das Pferd nämlich das Gefühl, ein Schwächerer versuche es zu dominieren, kann es das ohne Gesichtsverlust nicht auf sich sitzen lassen und wird es dem Menschen bei nächster Gelegenheit heimzahlen. Was dann folgt, ist im Besten Fall eine Unterdrückung des Pferdes; eine freundschaftliche Basis oder Nähe findet man so nicht.

Wer straft, hat schon verloren

Gestraft wird nach einem Fehlverhalten, das meistens selbstbelohnend war. Besser ist es, Fehlverhalten zu vermeiden. Wenn einen das Pferd mit dem Kopf angerempelt hat, kann man es strafen aber das Pferd wird sich nur denken, dass man ein schlechter Verlierer ist. Nichts, was einen in den Augen des Pferdes kompetenter erscheinen ließe... 


Wer jemand Großes führen will, muss selber mindestens genauso groß sein!

Pferde besitzen eine ungeheure innere Größe und ein ungeheuer großes Herz. Wer so ein wundervolles Wesen führen möchte und von ihm als Führer anerkannt werden möchte, tut gut daran, sich von der Größe des Pferdes dazu inspirieren zu lassen, die eigene Größe zu finden und zu leben. Das bedeutet auch ein Stück weit erwachsen und eigenverantwortlich zu sein. Distanz ist die Straße, über die man dabei schreitet. 

Ist man bossy gegenüber dem Pferd, muss man eventuell besser sein, als man sein kann. Fordert man seinen Raum und damit Distanz, steigt man in der Achtung des Pferdes auf und bekommt seinen Respekt - so einfach ist das!